Mode-interessiert ≠ oberflächlich

Wie viele Dinge, die feminin-konnotiert sind, wird Mode häufig als oberflächlich, hohl, geistlos und unpolitisch betrachtet. Das hat vor allem mit internalisierter_ Misogynie zu tun, aber auch mit der Tatsache, dass der größte Raum weißen, schlanken Cis-Frauen und Cis-Männern gegeben wird. Die Reproduktion Sexismen, Rassismen und Dickenhass steht in vielen Mode-Teilen von Mainstream-Medien im Vordergrund. Auch wird Kleidung häufig unter ethisch fragwürdigen Arbeitsbedingungen hergestellt, durch alle Preisklassen hindurch – „Freikaufen“ ist also auch nicht.

Diese Unterdrückungen stehen allerdings bei so gut wie allem, was von weißen, überwiegend heteronormativen, anti-feministischen Menschen gemacht wird, im Vordergrund. So gesehen lässt sich das, was sich Große Kunst (Great Art) nennt, ziemlich schnell ins Loch des Bösen drängen. Passiert allerdings im Mainstream selten, weil in erster Linie viele weiße Typen als Kunstschaffene bekannt sind. Und was weiße Typen schaffen, muss ja irgendwas taugen. Oder? (Spoiler: Nö.)

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Wenn Typen mal wieder denken, sie müssten ihre unqualifizierte Meinung zu allem erklären. (Ja, auch Typen können sich für Mode interessieren. Sie werden aber dafür oft als schwul „beschimpft“. I wonder why. #sexism)

Jedenfalls gerät schnell in Vergessenheit, dass Mode viel Potenzial dazu hat, sozial und politisch aufgeladen zu werden. Etwas anziehen müssen wir uns jeden Tag und – auch wenn der Spielraum je nach Körper und Klassenzugehörigkeit stark variiert – entscheiden uns für Kleidungsstücke. Ob wir mit Dem Trend™ mitgehen, elitären Underground-Looks folgen oder gezielt unauffällige Klamotten tragen: Aus einer Alltagspraxis lässt sich viel machen.

In der feministischen Zeitschrift an.schläge gab es letztes Jahr ein spannendes Interview mit der Journalistin und Mode-Forscherin Sonja Eismann. Sie erzählte unter anderem:

Ich mag es, dass Mode so viele scheinbare Widersprüche in sich aufnimmt: Sie ist durch ihre Umhüllung des nackten intimen Körpers, mit dem wir uns dann in der Öffentlichkeit zeigen, immer an der Schnittstelle zwischen privat und öffentlich, zwischen innen und außen. High Fashion ist Big Business, aber auch aus der Mülltonne gefischte Recyclingware kann High Fashion werden. Mode ist immer modisch und sie wiederholt sich, aber sie ist nie gleich. Sie ist unglaublich elitär, ungerecht und ausschließend, aber auch eine riesige Demokratisatorin. Und natürlich ist die Mode eine urweibliche Domäne und damit besonders spannend für eine Feministin.

Tja. Mode kann als eine Kunstform gelesen werden, auch als eine Art zu protestieren. Protestiert werden kann gegen Einiges, seien es konservative Kleidernormen, Umweltzerstörung, Androzentrismus (Männlichkeitsnormen) oder Eintönigkeit. Der Widerstand kann auch an die Mode oder der Trendorientierung an sich gewidmet werden.

Mode kann zum Zusammenkleistern einer nach außen sichtbaren Identität eine Menge beitragen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass Radikalität und Politik am Aussehen gemessen wird. Nach dem Motto: Wer angepasst und unschuldig aussieht, kann nur eine Basic Personality haben. Diesem Trug zu glauben nennt eine_r Lookismus. Lookismus ist „die Stereotypisierung bzw. Diskriminierung aufgrund des Aussehens“.

Das äußere Erscheinungsbild anderer zu kommentieren und beurteilen steht keiner Person zu, egal ob aus Modegründen oder Boshaftigkeit. Allgemeine Modetrends und -phänomene zu kritisieren hingegen schon. Und über sich selbst reden auch.

Nur weil ich viel über meine Kleidung, Schminke und Frisur nachdenke, heißt es nicht, dass ich andere dafür verurteile, dass sie es nicht tun. Nur weil ich Style-Fragen spannend finde, heißt es nicht, dass ich mich nicht kritisch mit Dingen auseinandersetze. Diese Abwertung von Mode finde ich insbesondere in Kreisen intellektuellen Anspruchs extrem peinlich, zumal Mode nicht erst seit gestern ein Forschungsgegenstand der Kulturwissenschaften ist. Adorno und Foucault geil finden, aber Mode als oberflächlich und unpolitisch befinden – das sind mir die liebsten. Nur weil etwas nicht dein Spezialgebiet ist, ist es nicht unwichtig. Und nur weil Mode mich interessiert, heißt es nicht, dass ich viel Ahnung vom Thema habe.

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Ein Gedanke zu “Mode-interessiert ≠ oberflächlich

  1. Ich finde das immer sehr irritierend, wenn Menschen denken, ich würde ihren Look, Stil, ihr Make-Up oder das Outfit be- oder soar verurteilen, nur weil sie wissen, dass ich ein Mode interessierter Mensch bin.
    Und ja Oberflächlichkeit steckt dem Modebusiness sehr, sehr, sehr tief in den Gliedern, aber das heißt noch lange nicht, dass eins es nicht anders machen kann!

    Übrigens: DIE JACKE *U*

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