Selfie-Empowerment

Letzten Herbst schrieb ich auf meinem anderen Blog Tea-Riffic über Selfies. Selfie-Culture wird ein wichtiger Bestandteil dieses Blogs sein, deshalb gibt es hier den alten Eintrag als Basis zum Nachlesen.

[CW: Kommentare mit lookistischen, fat-shamenden, sexistischen Inhalten werden zitiert.]

Wort des Jahres ist laut dem Oxford Dictionary „selfie“. Wurde auch mal Zeit! Die Königin der Selfies bereicherte die Welt mit ihren Selbstbildnissen bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aber auch nach Frida Kahlos Lebzeiten bleibt es populär, sich die Sichtbarkeit auf dieser Welt zu schaffen.

Darum geht es bei Selfies nämlich: Sichtbarkeit. Für allem für alle jene, die nicht auf Zeitschriftencovern, in Modereklamen und als Hauptrollen für Mainstreamschnulzen zu sehen sind. Anders als auf Jezebel behauptet wird sind Selfies kein Hilfeschrei, sondern in der Tat empowernd. Ich wurde wirklich wütend, als ich las, wie eine weiße, schlanke, ableisierte Journalistin mir meine Erfahrungen absprechen und bestimmen will, was als empowernd zu empfinden ist und was nicht.

Als queere, dicke Frau mit „eindeutig nicht-weißer Nase“ (sic!) und einem ehemals sehr niedrigen Selbstvertrauen fühlte ich mich vor der Kameralinse vollkommen fehl am Platz. Ich kam mir vor wie der Störfaktor einer eigentlichen Idylle. Das war nicht alles selbst eingeredet, sondern wurde mir auch von meinen Umfeld klargemacht. „Wenn du abnehmen würdest/deine Nase operieren würdest/dich richtig schminken würdest/dich wie eine Richtige Frau™ kleiden würdest, dann wären deine Portraits auch viel schöner.“ Ratschläge dieser Klangfarbe bekam ich eher fünf mal zu oft als vier mal zu wenig zu hören.

Selfies, die ich mit 14 oder 15 von mir machte, fand ich beschämenswert und löschte sie schnell wieder. Bloß niemand sollte sie sehen! Ich beauftragte meine Schwester oder andere Personen des maximalen Vertrauens (bestenfalls sollten sie mich schon mal beim Duschen und/oder Pinkeln angetroffen haben, damit die Hemmungsschwelle niedrig genug ist) dazu, 500 Bilder von mir zu machen, von denen ich letztlich vier oder fünf als okay befand.

Kommt der erste eigene Laptop, kommen die ersten tollen Selfies, gilt oft. Nicht aber bei mir. Ich war 19, als ich anfing, gelegentlich eine Photobooth-Session zu machen. Zunächst schüchtern und zurückhaltend – alle mittelmäßigen oder schlechten Fotos bloß sofort löschen! – versuchte ich ein Gefühl dafür zu bekommen, wie ich mir eigentlich selber gefalle. Welche Gesichtsseite finde ich schöner? Wie sehe ich eigentlich aus, wenn ich lachen muss? Oder wie macht sich mein Gesicht im verheulten Zustand? Sieht eins „schlechte Haut“ auch im Dunkeln? (Die Antwort ist ja: Im Dunkeln ist das einzige, was eins sieht, „schlechte Haut“. Sie glüht so hell wie meine Stimme beim Telefonieren mit Verwandten. Wer sagt aber, dass Pickel und Rötungen hässlich sind? Und Meinungen von Menschen, die aus dieser Ansicht Profit schlagen, zählen nicht.)

Nicht mehr als zwei Selfies im Monat traute ich mich anfangs auf meinem Tumblr hochzuladen. Ich wollte schließlich nicht aufdringlich sein. Es steigerte sich auf ein Bild die Woche, es musste allerdings immer einen Anlass dafür geben („Schau mal, eine neue Brille!“/“Schaut mal, mein Pyjama ist schon unsexy, oder?“/“Schau mal, ich bin richtig traurig heute!“). Ja, es dauerte bei mir ein bisschen, bis ich Begriff, dass die Existenz von mir und meinem Gesicht, sowie die Tatsache, dass wir nicht vorhaben uns anzupassen, uns nach Normen zu enthaaren, uns als Störbild aus der Idylle rar zu machen, uns unsichtbar machen zu lassen, kurz: zu verschwinden, Anlass genug sind. Ganz nach dem Motto: We’re here, we’re queer, get used to it. Fuck your beauty standards. 

Loan Tran schreibt auf nloantran eine tolle Stellungnahme zum Jezebel-Artikel und betont, um wessen Sichtbarmachung es hier geht (Hervorhebung ist von mir):

articles like the one found on jezebel talk about the culture we live in where people – especially women – are judged by how pretty (or not pretty) they are. there is this fixation on presentation and attractiveness that is defined by misogynistic standards. what a lot of these articles don’t talk about is the other ways desirability are defined. many of these articles leave out what selfies do and have [d]one for people of color, queer and trans people, fat folks, disabled folks and all of us living at the intersections of those identities.

Menschen posteten auf Twitter oder Instagram #FeministSelfies. Auf Colorlines und Hyperallergic könnt ihr einige davon sehen und starke Tweets dazu lesen. Zu sehen sind all jene, die auf Mainstreamzeitschriftencovern, -modereklamen oder in Hauptrollen von -schnulzen nicht abgebildet werden.
Die Zeiten des Ausradiertwerdens und des Versteckens sind aber rum. Wir lassen sie auch nicht zurückkehren. Wie gesagt: We are here to stay and we’re unapologetic.

Geht es mir schlecht, muntert es mich meistens auf, ein paar Selfies zu machen. Ob mit oder ohne Lippenstift. Habe ich Langeweile und sehe in der Nähe einen Spiegel, zögere ich nicht, mein Smartphone aus der Tasche zu holen und diesen Moment festzuhalten. Gibt es keinen Spiegel, gibt es meine Frontkamera. Schäbige Qualität kann mich mal. Mal lache ich über meine eigene Unbeholfenheit, mal stelle ich fest, dass ich demnächst einschreiten sollte, falls ich keine Monobraue haben möchte, mal denke ich: Eigentlich kann ich auch ein Cutie sein. Oder ein Hottie. Mein Selbstwertgefühl erhöht es jedenfalls. Ich sehe, dass ich existiere und nicht weniger Rechte habe, weil ich nicht in die Norm hineinpasse. Ich weiß, dass ich nicht weniger wert bin, weil ich diese Nase habe. Weiße Nasen my ass. Guter Anlass hin oder her, hier kommt eine Ladung meines Gesichts. Because in selfie-empowerment I trust. 

Diese Selfies entstanden übrigens alle diesen Herbst.
Diese Selfies entstanden übrigens alle diesen Herbst.
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2 Gedanken zu “Selfie-Empowerment

  1. Danke für diesen Post.
    Ich habe den Trend auch belächelt, weil ich immer nur „hübsche“ aufgetakelte Mädels im Club welche machen sah oder dünne „Amateurmodels“, die beim McDonalds mit einem fetten Bürger posieten. Ich dachte, ich sollte das nicht machen, weil ich mich nur lächerlich machen würde. Und Essen dürfte schon gar nicht auf so ein Bild von mir. Aber das ist im Grunde egal. Es ist egal, was andere sich erdreisten über einen zu denken. Das musste ich erstmal lernen.
    Selfies sind für mich auch ein Weg, um mal zu denken: „Damn girl, heute siehst du echt gut aus!“ Deshalb werde ich weiterhin welche machen und auch posten. Auch, wenn viele denken, es sei oberflächlich und dumm. Diese Leute können ja denken, was sie wollen und es bitte für sich behalten.

    Liebe Grüße
    Alexandra-Anna

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