Kleiderkommunismus? Idk tbh

[TW: Fatshaming]

„Voll cool, wenn ihr ähnliche Größen habt, dann könnt ihr ja immer Kleidung teilen!“ Als würde gerade ein Gratis-Abo für Qualitätseiscreme verkündet werden schauen mich Leute erwartungsvoll an, wenn sie herausfinden, dass ich in meinem Leben Menschen habe, denen meine Kleidung passt. Während ich noch Zuhause wohnte, liehen meine Schwester und ich uns manchmal gegenseitig Klamotten. Eine Win-Win-Situation sah allerdings anders aus.

Insbesondere, wenn mir Stücke zu klein wurden, profitierte meine Schwester davon. Mit Worten à la „Mir steht es jetzt eh besser, du trägst es doch gar nicht mehr!“ wurden sämtliche Ex-Lieblingsstücke entwendet und zu ihren gemacht. Und was mir noch passte, konnte sie im lässigen Oversize-Look tragen.

Natürlich lief das Spiel nicht nur auf einer Seite. Ich warf mehr als nur ein Auge auf ihre Garderobe, da gab es diese Riesenbluse, das lockere Kleid und diese stretchige Jeans, die mir das ultimative Babysoftbutchfeeling gab. Manchmal durfte ich sie auch tragen. Doch die Tatsache, dass die Sachen mir irgendwie passten, bedeutete noch lange nicht, dass sie immer für mich zugänglich waren. „Du darfst X nicht anziehen, sonst dehnt sich der Stoff und es sitzt an mir nicht mehr.“ Sätze wie diese wurden als Ausrede benutzt, mir Dinge nicht zu geben.* Von meiner fettphoben Mutter gab es Support, jedoch nicht die Art, die ich mir gewünscht hätte. Meine Schwester hätte Recht, ich würde mit meinen großen Brüsten und meinem Bauch ihre Kleidung verzerren. Aber ich könnte ja „einfach abnehmen“. „Einfach“ dies und jenes nicht mehr essen, dafür X und Y machen, das ganze ein paar Wochen lang, und schon würden die Stoffe „ganz natürlich“ an meinem Körper entlang fallen.

Ich fühlte mich in meinem dicken_fetten Körper substituierbar und beliebig, weil meine geliebten Signature-Pieces in der Schule_in der Bar auch an anderen (normschönen) Menschen in Einsatz kamen. Der Moment, in dem eine schlanke Person dein Lieblingskleid aus deiner Garderobe nimmt, es anprobiert und sich daran ergötzt, wie gut es ihr steht, fühlt sich ungefähr so an, als würde eins dein Kunstwerk ausstellen, ohne dir die Credits dafür zu geben.

Manchmal schwingt ein Hauch von „Oh, mir ist die Schönheit dieses Kleidungsstücks nie aufgefallen, weil es auf deinem dicken_fetten Körper nicht richtig präsentiert wird, aber wenn ich deine Sachen trage, merke ich erst so richtig, was du für einen guten Geschmack hast“ mit.

Das mag übertrieben und oberflächlich klingen. Kleidung ist ersetzbar, nicht die Menschen, die sie tragen. Insbesondere Kleidung von großen Ketten trägt ohnehin jede_r. Könnte doch sein, dass alle Leute dieses eine Hemd so oder so haben. Es ist keine große Sache, ich sollte mich doch freuen, dass gekaufte Konsumgüter für so viele Menschen nutzbar sind. Es ist voll possessiv und egoistisch, Klamotten für sich allein zu claimen, hm? Wahrscheinlich. Aber vor allem ist es das für Leute, die sich nicht erst erkämpfen mussten, als modisch zu gelten. Überhaupt modisch_ästhetisch sein zu dürfen, trotz des Körpers oder des Backgrounds (#Klassismus, #Rassismus). Nicht als Ausnahme gesehen zu werden, weil sie tatsächlich auch einen guten Geschmack haben. Es geht nicht nur schlichtweg um Privilegien, sondern auch um Wertschätzung.

Ein Gefühl für Ästhetik wurde mir nicht nur abgesprochen, weil ich einen dicken_fetten Körper habe_hatte. Für einige Menschen ist es verwunderlich, dass auch nicht-weiße Personen einigermaßen hip gekleidet sein können. „Viele Iranerinnen, die ich kenne, kleiden sich gar nicht so hipstermäßig, die meisten sehen eher prollig und künstlich aus.“ Prollig? Künstlich? Wenn irgendwelche Basic Kartoffeln sich über den Stil von Personen of Color lustig machen, werde ich schnell wütend. Auch – insbesondere – wenn sie es tun, um mich positiv hervorzuheben aka exotisieren. „Voll cool, dass du dir die Haare lila färbst, ich hätte nicht gedacht, dass Iranerinnen das auch machen! Du bist halt voll emanzipiert von deiner Kultur!“

„Meine Kultur“ hatte Bäder und Duschen, da sind weißedeutsche noch im Mittelalter versifft und haben sich Krankheiten aufgrund von Hygienemängeln geholt. „Meine Kultur“ war in Puncto Piercings und Tattoos eine der ersten. „Meine Kultur“ ist nicht minderwertig, weil weiße eurozentrisch_rassistisch denken. Und mein Körper ist keine Ausnahme, weil er auch schöne Sachen trägt. Und nein, ich möchte diese Sachen nicht mit irgendwelchen schlanken, weißen Leuten teilen, die selbst im Kartoffelsack als stilbewusst gelesen werden. Bin ich gemein? Mag sein. Cry me river.

*Natürlich hat meine Schwester – wie auch andere schlanke Leute, denen ich manchmal Kleidungsstücke leihe – mir auch ein paar Stücke ohne viel Theater gegeben. Und es war empowernd, als ich mir in fremden Sachen im Spiegel gefiel. Aber diese Momente waren so selten im Vergleich zu jenen, in denen ich Teile nicht über meine Oberschenkel_Brüste_Hüften bekam.

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10 Gedanken zu “Kleiderkommunismus? Idk tbh

  1. “Viele Iranerinnen, die ich kenne, kleiden sich gar nicht so hipstermäßig, die meisten sehen eher prollig und künstlich aus.”
    Mir fällt recht häufig auf, dass dieser Stil (bzw. diese Stile) nur an Women of Colour prollig und künstlich ist, aber an weißen Hipsteretten, die das voll ironisch und so tragen, ist es auf einmal ein Statement und „schon n Look“, wie es bei Shopping Queen so nett heißt.

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  2. Ich frage mich immer, was dich berechtigt, als PoC durchgehen zu wollen. Du bist weißer als weiß. Wenn du über die Straße läufst würde dich niemand als Person mit nicht-europäischem Hintergrund erkennen.

    Mal ab davon, dass der ganze PoC Kram ein billiger Import aus den Staaten ist (wie so viel anderes), nach deiner Logik magst du zwar keine Weißen Privilegien wollen, aber du gehst auf die ersten zwei Blicke als solche Person durch und profitierst davon doch, auch wenn du es ja nicht magst.

    Andere Personen, wie meine Cousins, die offensichtlich PoCs sind können das nicht. Aber du bist eine besondere Schneeflocke und daher brauchst du auch möglichst viele Eigenschaften, die dich als solche auszeichnen. PoC ist da auch wirklich eine der besten. Viel Spaß beim lesen und ignorieren 🙂

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    1. Ich weiß zwar nicht, wie du PoC definierst, aber die Position als Person of Color hat nichts mit Hautfarbe zu tun. Meine helle Haut gibt mir zwar in manchen Räumen ein White-Passing-Privileg, aber sobald mein Passname bekannt ist, ist das auch vorbei. Nur weil meine Haut hell und meine Haare gefärbt sind, heißt es nicht, dass ich verschiedene Rassismen erfahre. Ich hab 16 Jahre lang als Muslima gelebt, meine Familie ist aus dem Iran, ich hab vom Kindergarten auf Scheißsprüche wegen meines Namens, meiner Herkunft, meines Glaubens, meiner Nase und meiner Sprache abbekommen, ich weiß deshalb nicht, warum ich mich als weiß positionieren sollte.
      Ich weiß, dass ich von meiner hellen Haut profitiere, aber je nach Raum ändert es sich. Im Iran werden Frauen* mit heller Haut extrem exotisiert und bekommen viele Sexismen ab, werden ungefragt angefasst, etc. Es hätte auch anders sein können, ich hätte auch wie mein Vater braune Haut haben können, hab ich nicht, davon profitiere ich in Deutschland. Trotzdem bin ich nicht weiß. Und ein „weißes Äußeres“ hängt auch nicht nur mit Hautfarbe zusammen, als ich früher lange Haare hatte und sie naturbelassen dunkel hatte, wurden sie von random Leuten angefasst und als etwas ganz Wildes bezeichnet, ich habe kein Mal bei weißen Friseur_innen erlebt, bei denen ich wegen meiner Haare nicht als nicht-weiß gelesen wurde. Klar ist es was anderes als Racial Profiling und rassistisches Street Harassment, letzteres habe ich allerdings auch schon erlebt, wenn in der Kleinstadt alle wussten, wer die „Ausländer_innen“ sind und wer nicht.

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  3. Nunja, laut dem Zentralrat der einzigartigen Schneeflocken habe ich die Benachteildigung als PoC so verstanden, dass man auch als solche „gelesen“ wird. Was ich wiederrum als erstmaliges sehen und kategorisieren einer Person verstehe. Darunter fällst du dann nun ja nicht. Aber wenn also auch der nicht „lesbare“ Hintergrund zählt, dann fang ich auch mal damit an, bin ich doch schließlich zu einem Viertel Hawaiianer.

    Und mal zum Thema Haare: Was haben so viele „PoC“ für Komplexe mit Haaren? Ich bin von 15-18 mit nem Afro rumgelaufen und der wurde auch mal ab und an betatscht. Das hat wohl eher was mit Indididuen zu tun, die gewisse Haare mögen und nicht mit einer Gesellschaft, die gern exotisiert. Aber nunja, wer nicht in der Realität leben muss ist schon gesegnet.

    Mein Tipp: Einfach mal nen Monat nicht das Middleclass VIP Ticket nutzen und im echten Leben ankommen. Dann muss man sich auch keine Probleme ausdenken, die kommen dann schon von allein 😉

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  4. Wieso dann der ZUsammenhang mit PoC und Rassismus? Ist dieser keine Benachteiligung? NAja dann positionier ich mich auch mal so, scheint ja hip zu sein.

    Auch wenn man es mir nur ansieht wenn ich meinen Afro wachsen lasse, gehe ich jetzt als 1/4-Hawaiianer durch die Welt. Wenn mich wer nun doof anmacht ist das Rassismus?

    Nee mal in ernst: was sollen diese ganzen Schubladen in denen dich höchstens Idioten und du selbst steckst? 90% der Menschen gehen ohne offene Augen durch die Welt, wie sollen die noch Zeit haben andere zu Verurteilen oder sowas?

    Aber naja, wenn du es magst, dich selbst so zu sehen, wird man es dir eh nicht ausreden können.

    Daher liberale Grüße, die denken, jeder darf sein Leben leben, wie man mag

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