Zum Glück nicht so Skinhead

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Das Wetter ist voll scheiße und ich dachte mir: Zeit für mehr awkward Outfit-Fotos! Gestern inszenierte ich mit einer Freundin einen Parkspaziergang, um ein grün-urbanes Milieu für mein neues Polo-Kleid zu schaffen.IMGP5446

In Kombination mit meiner Middle-Eastern-Dad-Jacke, Pseudo-Sportsocken und Doc Martens fühlte ich mich wie das Mitglied einer britischen Antifa-Skinhead-Gang aus der Vorstadt. Dass dieses Gefühl von Außen nicht so lesbar ist, finde ich sehr gut. So schick Fred Perry Hemden sein können, finde ich eine Ästhetik, die an Nazis erinnert, sehr problematisch.

Oft wird mit dem Reclaiming von Skinhead-Kultur argumentiert, die Nazis sich erst aneigneten. Das finde ich auch richtig – allerdings gerät in Vergessenheit, dass die ursprüngliche Skinhead-Kultur nicht weißen Punks zustand. Im Osten Londons organisierten sich Schwarze Jugendliche aus der Working Class zu einer Subkultur, die sich primär durch das Interesse Schwarzer Musik definierte. Kleidungstechnisch wurde sich an einer rauen, proletarischen Optik orientiert, was ein Mittel zur Abgrenzung von der Mittelschicht und von weißsein diente.

Irgendwann dachten sich weiße Brit_innen so: „Hä, nö, wir möchten auch mitmischen!!!11“ So ging es los mit der Aneignung. Obwohl es bekannt ist, dass diese Ästhetik auch in linken Kontexten zelebriert wird, ist das erste Glied der Assoziationskette mit der Skinhead-Szene von rechtsextremen Machos besetzt. Wer mit solchen schon mal in Berührung gekommen ist, weiß, dass es alles andere als angenehm ist, von betrunkenen Rassist_innen auf der Straße belästigt zu werden.

Deshalb ist es auch schwierig, wenn andere weiße versuchen, Skinhead-Subkultur neu zu besetzen. Wenn ich auf dem Gehsteig eine weiße Person in Bomberjacke, Schnürboots und Fred Perry Hemd sehe, überlege ich nicht groß, welcher Szene dieser Mensch angehört. Stattdessen sagt mein Bauchgefühl ganz laut „Nervositätsdurchfall!!!11“ und mein Verstand sagt, ich muss unauffällig um diese Person herumkommen. Aufgrund meiner hellen Haut habe ich es in dem Fall um einiges Einfacher als andere Personen of Color.

Eine_m_r Skindhead zu begegnen, löst in manchen Fällen gar nicht Irritation und Bewunderung aus, sondern drückt auf Ängste und Panik. Diese Gefühle möchte eins nicht unbedingt haben, wenn eins unterwegs ist und einfach nur ein Glas Pesto aus dem Supermarkt holen will. Oder abends nach Hause will. Oder zur Arbeit.

Deshalb fände ich es cool, wenn weiße Skinheads, die sich anti-rassistisch oder links positionieren, endlich erkennen könnten, dass sie sehr einschüchternd für nicht-weiße Menschen sein können und sich so kleiden könnten, dass im Alltag nicht ständig Trigger ausgelöst werden. Okay? Okay.

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Zurück zu mir. Wie ihr seht, bin ich jetzt auf rosa Haar umgestiegen. Nicki Minaj hatte rosa Haare, deshalb wollte ich sie auch haben. Fühlt sich jetzt auch viel stärker in Watte eingewickelt an, wenn ich Selfies mache.

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Mütze: Beaniebabesclub, Jacke: Vintage, Kleid: Monki, Kette: Monki, Nagellack: Essie, Socken: H&M, Schuhe: Doc Martens, Lippenstift: Rival de Loop Nr. 65.

 

 

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9 Gedanken zu “Zum Glück nicht so Skinhead

  1. Mmh ich sehe deinen Standpunkt, aber hat sich nicht die Skinhead-Bewegung generell aus der Arbeiterklasse entwickelt? Und waren das nicht von Anfang an sowohl schwarze als auch weiße Menschen? Ich kenne viele Skinheads (die mehrheitlich weiß sind) und allesamt links. Und dass sich aus der Skinheadbewegung eine rechte Szene abgesplittet hat, dafür kann ja der Rest der Bewegung nichts. Deshalb soll ihnen der Ausdruck ihrer Persönlichkeit und ihres Lebensstils versagt bleiben? Es gibt doch mindestens genauso viele Rechte in anderen Szenen, mittlerweile sogar Hipsternazis, darf dann niemand mehr wie ein Hipster aussehen? Ich weiß, vielleicht ist das etwas weit her geholt, aber eigentlich finde ich, dass es gerade gut ist, wenn es viele Linke Skinheads gibt (die anderen sind ja auch eigentlich Boneheads, oder? und vom Aussehen finde ich auch unterscheidbar), weil dies zum einen eine Alternative schafft und zum anderen einen Gegenpol bildet. Denn linke Skinheads setzen sich auch im Sharp-Sinne dafür ein, dass der rechte Dreck endlich verschwindet… kennst du andere Skinheads? Wie denken die denn so?

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    1. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was das damit zu tun hat, dass Menschen, die von rechten Skinheads bedroht wurden, getriggert werden, wenn sie Skinheads (egal welcher politischen Art) sehen.

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  2. Ich finde deinen letzten Abschnitt sehr berechtigt und worth, darüber nachzudenken!! Was löst (m)eine Erscheinung bei anderen Menschen aus? Wie kann ich Trigger minimieren? Kann ich sehr nachvollziehen, danke für deine Gedanken dazu.
    Ich war als Jugendliche S.H.A.R.P Skin_Reneegirl (das ist ca. 25 Jahre her), weswegen ich mich damals mit diesem Thema auseinandergesetzt habe.
    Ich erkenne wahrscheinlich deshalb Nazis und Sharp – Skins SOFORT und eigentlich IMMER, gebe aber auch zu: ich habe natürlich ein geschultes Auge (und deshalb ist das Argument mit dem Trigger auch ein wichtiges).
    Sharp Skins (nochmal sehr im Gegensatz zu den so called Red Skins (…)) haben eher einen edlen Look (können auch mit dem Punkerlook nix anfangen). Sie tragen weniger Bomberjacken, als viel mehr Jackets, Anzüge oder darüber Donkey Jackets (Nazis in Fred Perry hatte ich ehrlich gesagt auch nicht on mind), dann Hemden oder feine V-Ausschnitt Pullis, oft auch Loafers anstatt Doc Marten´s. Die Jugendkultur vermischte sich ja auch mit der Mode der Mods (Parka, Anzug, Pork Pie Hut). Deshalb haben linke Antirassistische Skins auch oft nicht kahle Köpfe, sondern einfach sehr kurze Haare. Ein super Beispiel für die Mode, die ich hier auch meine, ist die Band The Specials. Klar gab es auch die doch etwas rauheren Looks, die eventuell mehr an Nazi Skins erinnern könnten (ich sehe die feinen Unterschiede, dennoch sind linke Skins oft feiner in ihrer Erscheinung, Jeansjacke, eindeutige Aufneher, Reagge, nicht direkt kahle Glatze).
    Soweit ich weiß, entstand die Skinhead Mode aus der Arbeiterkleidung am Hafen von East London. Dort arbeiteten viele Jamaikaner und auch Weiße, die dann Ska Musik und early Reggae/Skinhead Reggae hörten. Die Klamotten waren denke ich ein Mix aus der Hafenarbeiterklamotte (Docs und Donkey Jackets) und der SKA Kultur aus Jamaika (z.b. Toots and The Maytals, Bob Marley als er noch The Wailers war). Natürlich ist es trotzdem berechtigt, über Aneignung zu sprechen!
    Interessant finde ich persönlich, dass vor kurzem Beyoncé in ihrem Flawless – Video auf die Skinheadszene_mode aufmerksam gemacht hat.

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    1. Danke für deinen Kommentar mit Einblick in verschiedene Skin-Mode! Die Verwandtschaft mit Mods finde ich spannend, da gibt es auch mMn eine geringere Assoziation mit random Nazis.

      Im Flawless-Video finde ich die Aneignung weißer Punk- und Skin-Kultur von Beyoncé richtig super, auch weil es beides so Subkulturen mit dominanten Mackern sind!

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  3. Kleine (ahem) Ergänzung:

    Ironischerweise sind die Skinheads aus Beyoncés Video der Pariser Band „Hard Times“ zuzuordnen, die wiederum der so genannten „Grauzone“ (im Englischsprachigen Raum als „fencewalkers“ bezeichnet) zuzuordnen ist. Grauzonen-Skins bezeichnen sich idR als “unpolitisch” und haben kein Problem damit, am einen Abend antifaschistische Szenegrößen wie The Oppressed abzufeiern und am nächsten mit Nazikumpels einen heben zu gehen oder ihre Strukturen (finanziell) zu unterstützen. Die prominentesten Beispiele für Grauzonenbands sind wahrscheinlich die Krawallbrüder (deren Label KB-Records afaik Geld in Nazistrukturen pumpt) und Stomper 98 (siehe zB https://www.antifainfoblatt.de/tags/stomper-98), die wiederum dicke mit Hard Times sind.

    Ich bin oder war selber nie Skin, habe_hatte allerdings einige (allesamt weiße) Skins in meinem Freundes-und Bekanntenkreis und würde Nanis aussagen gerne um den Punkt ergänzen, dass der Stil, den sie beschreibt (ich kenne das als „Smart Skins“; http://www.hardandsmart.net/ ist ne nette Fashoion Blog-Referenz), zwar wohl am Häufigsten im SHARP/RASH-Umfeld zu sehen ist, es aber auch durchaus leger gekleidete SHARP/RASHies (zB Bandshirt, Levi’s, Sambas) und Smart gekleidete Naziskins (es gibt da so einen, der immer wieder auf Aufmärschen in MV auftaucht…) gibt. Lediglich die guten alten Domestos-Hosen plus Nassrasur, Stahlkappenschuhen und viel zu breiten Hosenträgern findet sich wahrscheinlich nur noch bei der graubraunen Fraktion.

    Und afaik ist die Skinhead-Subkultur aus ner Vermischung von (Hard) Mods (vornehmlich weiß) und Rude Boys (vornehmlich schwarz) entstanden. Fotos aus den ersten Jahren der Skinheadkultur zeigen sowohl weiße als auch schwarze Skins… Da haut deine Argumentationslinie irgendwie nicht so richtig hin. (Das mit den „Initial antirassistischen skins“ ist afaik trotzdem Unsinn, da Skinheadgangs in den 60ern/70ern Jagd auf Menschen, die sie für Pakistanische Einwanderer hielten, gemacht haben.)

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  4. Und wie darf man sich dann deiner Meinung nach als weißer Mann kleiden?
    Was mich persönlich sind viel mehr Hipster oder Popmusiker wie Beyonce die sich einfach Symbole aus Subkulturen aneignen und die zur Egosteigerung oder markttauglichen Verwertung benutzen. Siehe Chris Brown in Crustie-Lederjacke oder dass jeder Idiot jetzt mit Ramones-Shirt rumrennt. Da find ich sogar die ursprüngliche Idee der amerikanischen HC-Punks sehr angenehm die sehr „Normcore“-mäßig rumliefen, gerade weil es um die Musik und nicht um das Aussehen ging und die Musik Marx-sei-dank nicht so massentauglicher Quatsch ist wie die vollends auf kulturindustrielle Verwertung zugeschnittene Musik euer geliebten Popsternchen.

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  5. Die Subkultur der „Skinheads“ entstand als sich die Subkulturen der „Mods“, „Bootboys“ und der jamaikanischen „Rudeboys“ vermischten. Im Gegensatz zu Dreadlocks war das Aussehen dieser Subkulturen kein Widerstandssymbol. Ok nicht ganz richtig, denn mensch wollte sich von den „Hippies“ abgrenzen die mittlerweile Mainstream geworden waren und selbst Elternteile waren damals (wir reden von den 1960er Jahren) vom Hippiesein begeistert. Skinhead war u.a. ein Widerstandsakt gegen Hippies, dass ist natürlich in keinster weise mit Dreads zu vergleichen. Deswegen finde ich es etwas schwierig zu sagen das sich die Skinheadkultur von weißen angeeignet wurde, da weiße und schwarze skins von Anfang an zusammen rumhingen und zusammen diese Kultur maßgeblich geprägt haben.

    Siempre R.A.S.H – Equality, Liberty & Solidarity! (///)

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