Material Grrrl Comeback

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Seit der Zeitumstellung am Wochenende sind es auch keine Breaking News mehr, dass der Herbst angebrochen ist. Ich erspare uns allen offensichtliche Symptome der Jahreszeit, keine Kommentare über Wetter, Lichteinfall und Veränderung der Natur. Stattdessen bringe ich ein paar harte Fakten auf den Tisch.

Stimmungsmäßig heißt (u.a. metaphorischer) Kälteeinbruch für mich nicht nur Lethargie, sondern auch ihr Gegenpol: Der Kaufrausch. Ich rede mir immer ein, dass sich meine seit zehn Jahren anhaltende Quarter-Life-Crisis durch materielle Dinge für ein Weilchen besser anfühlen kann.

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Gender-Outlaw Kate Bornstein sagt, zum Überleben seien alle Strategien legitim, solange sie keinen anderen Menschen schaden. Streng genommen schaden die meisten Dingen anderen Menschen. Insbesondere leiden jene, die in Unterdrückungskategorien irgendwie unterhalb des eigenen Status verortet sind. Ich denke oft darüber nach und versinke in Grübelei und Selbsthass. Das bringt keinem Menschen etwas, wir werden uns für immer im Kreis drehen, die einzige Lösung ist die queer_feministische, sozialistische, anti-rassistische Revolution. Wenn ich mir aber anschaue, dass Schwinger_innen genannter Fahnen ihre Zeit mit Drogenbetäubung und Unterstützung problematischer_konterrevolutionärer Clubs vertreiben, mache ich mir in Punkto Veränderung keine Hoffnung. Selbst ein paar Folgen The O.C. und das Leben Seth Cohens geben mir da mehr Faith.

Kate meint mit Schaden allerdings explizites Gemeinsein. Sei nicht gemein zu anderen, aber wenn es dein Leben schöner macht, selbstdestruktiv zu sein, dann go for it. Wenn es dich glücklich macht, anstatt „hochwertigen“ Lebensmitteln oder einem Auto neue Klamotten, Kippen oder Ketamin zu kaufen, dann ist es deine Sache. Wenn die im Kapitalismus zur Normalität gewordene Selbstausbeutung für dich ein neues Kleid bedeutet und du ohne dieses Kleid deprimiert bist, dann ist das deine eigene Entscheidung.

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Auf vielen Ebenen ist es zu kurzfristig gedacht und zu wenig konsumkritisch, aber warum muss ich ständig gesamtgesellschaftliche Verantwortung tragen, wenn es mir ohnehin schlecht geht? Das heißt nicht, dass ich 24/7 ein Arschloch sein darf und meine Werte nicht meine Praxis bestimmen sollten, aber es ist schon legitim, wenn ich mal etwas „Schlechtes“ tue. Sei es ein Primark-Einkauf, Kuhmilchschokolade-Essen oder Kontrollverlust. In einer Gesellschaft, die auf Konsum ausgelegt ist, ist die Reflexion der eigenen Gewohnheiten zwar wichtig, doch moralische Auszeiten sind unvermeidbar. Gleichzeitig ist mir auch bewusst, dass es ein Privileg ist, gelegentlich bis regelmäßig das eigene Budget_die eigenen Kapazitäten überziehen zu können. Auf meinem Arm steht vielleicht Unendlichkeit, aber nicht auf den Spielregeln von Geld_Dispo-Krediten, Zeit oder Kraft.

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Deshalb gönnte ich mir die Billigversion DIOON-Modells von Vagabond. Sie sehen zwar weniger hochwertig aus, dafür sind sie nicht aus Leder und kosten einen Bruchteil der Vagabond-Version. Außerdem nähte ich mir einen riesigen Schlauchschal aus schwarzem Jersey. Er sieht nicht nur schön aus, sondern hält durch die Verdeckung von Kopf, Hals und Rücken extra-gut warm. Und weil ich Kontoauszug-mäßig die Welt brennen sehen wollte, kaufte ich mir ein graues Maxikleid mit asymmetrischem Schnitt. (Sidenote: Ich sah gerade, dass das Kleid offiziell Midi ist und es nur an meiner kleinen Körpergröße Maxi ist. Well, whatever.) Tatsächlich trösteten diese materiellen Güter mich über meine vielen Hautirritationen, depressive Phasen und Traurigkeit, zumindest für ein paar Stunden. Dann stach mir eine Freundin noch ein Septum und ich holte mir das zweite D.I.Y.-Tattoo für diesen Monat. (Dazu bald mehr.) You gotta do what you can.

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Schuhe: Deichmann, Kleid, Kette und Ring: Monki, Nagellack: Essie, Schal: selbstgemacht.
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An dieser Stelle ein fettes Dankeschön an @andymisandry für den Hinweis auf die fabelhafte Kate Bornstein und Überlebensstrategien.

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