Qajari Make-Up oder: Warum ich keine Lust mehr habe, meine Identität zu whitewashen

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(TW: Internalisierter Rassismus)

Gestern Nacht las ich einen richtig spannenden und empowernden Artikel über den Bezug auf die Qajar-Dynastie in persischer Kunst. Androgynie, Exzess und ein Rock’n’Roll-Spirit sind keine Ideen, die sich weiße ausgedacht haben. Solche Späße zelebrierte eins schon im 18. Jahrhundert in Persien, was auf visueller Kultur heute noch einsehbar ist. Badassness ist kein Phänomen anglophiler Popmusik, sondern nur eine Weiterführung dessen, was schon seit Jahrhunderten woanders gelebt wurde. Vielleicht auch deshalb, weil – anders als Geschichtsbücher uns glaube lassen wollen – einige Teile der Welt so schäbige Zeiten wie das Mittelalter einfach geskippt haben. Ja, wirklich, nicht überall hatten Menschen die Pest und keinen Zugang zu sanitären Anlagen. 

Der Iran_Persien wurde genau zwei Mal innerhalb von acht Jahren Geschichtsunterricht erwähnt. Zum ersten Mal, als das Superarschloch Alexander „der Große“ ohne triftigen Grund Persepolis zerstört hat. Und dann noch, als wir über den Zweiten Weltkrieg gesprochen haben, wo irgendeine Konferenz in Teheran stattfand. Das war’s. Mir ist dabei klar, dass es im Vergleich zu anderen Ländern außerhalb von Mitteleuropa sogar schon viele Erwähnungen sind. Das zeigt nur, wie wenig Credibility Geschichtsbücher haben.

Als ich jünger war, war ich fest davon überzeugt, dass in der Kultur meiner Eltern nichts los war. Keine erwähnenswerten Kunstwerke, Texte, Musik, Architektur, gar nichts. Schuld daran waren nicht meine Eltern – gerade meine Mutter hat innerhalb des farsi- und arabischsprachigen Raumes ein sehr hohes kulturelles Kapital. Meiner Beobachtung nach haben in Teheran Bildung und Kultur bereits innerhalb der niedrigen Mittelschicht einen sehr hohen Wert. Zumal das Studieren sehr teuer ist, bleibt der Zugang zur Akademie zwar vielen Menschen verwehrt – doch das Wissen um Dichter wie Hafez und Sa’adi sind sehr weit verbreitet. Sufi-Zitate lassen sich leicht am hinteren Teil von random LKWs finden.

Jedenfalls ist persische Kultur innerhalb meiner Familie, insbesondere mütterlicherseits, sehr präsent. Ich weiß nicht, wie oft meine Mutter mir schon geraten hat, endlich die arabische Schrift vernünftig zu lernen um Zugang zu ihrer sehr geschätzten Lieblingsliteratur zu gewinnen. Wie oft sie mir im Auto ihre liebsten Lieder gezeigt hat und ich nur meine Augen verdrehte und meine Kopfhörer aufsetzte um „coole Musik“ (white-ass Indie-rock) zu hören. Selbst wenn ich Gefallen an den Gedichten und Songs finden sollte, hätte ich innerhalb meines Freund_innenkreises keine Person gehabt, mit der ich das teilen könnte. Natürlich muss eins nicht immer alles teilen, aber es gibt gewissen Dinge, die das Alien-Gefühl verstärken, wenn du sie zufälligerweise mit weißen nicht teilen kannst. Arabische Schriftzüge und persische Kunst innerhalb unserer Wohnung wurde von weißem Besuch wirklich immer exotisiert und kommentiert. Deshalb versuchte ich lange, diese kulturellen Referenzen bis auf den Perserteppich aus meinem Zimmer zu verbannen. Bis Perserteppiche auf Tumblr in waren. Dann war das okay mit dem Fußwärmer.

Auch als ich, ebenfalls auf Tumblr, Fotografien von Moschees, Gebäude und Bazaren fand, die weiße Tourist_innen im Iran geschossen hatten, wuchs mein Interesse an meiner Herkunft schlagartig. Plötzlich waren die Erinnerungen nicht mehr peinliche Familienfotos in schicken Einkaufszentren und schwitzige Pilgerfahrten zum großen Bazar, sondern wunderschöne Architektur, atemberaubende Liebe zum Detail in Kunstwerken und die Schönheit von Teherans Einwohner_innen. Plötzlich war meine Kultur irgendwie doch ganz cool. Zumindest, so lange weiße das fanden.

Leider führte es nicht dazu, weniger exotisiert und mit anti-muslismisch-rassistischen Kommentaren überdeckt zu werden. Im Gegenteil: Es wurde fast schon mehr. Dinge, die auch einfach gegoogelt werden konnten, wurde ich immer und immer wieder gefragt. Ob es eine Hijab-Pflicht im Iran gäbe. Ob es im Iran Duschen gäbe. (ALSO BITTE. PERSIEN WAR EINER DER ERSTEN KULTUREN, IN DENEN ES BÄDER GAB. #Hamam) Ob alle im Iran so dicke Haare hätten wie ich. Ob alle persischen Frauennamen mit -eh enden. Warum alle eine Nasen-OP hätten. Ob ich meine Augenbrauen nicht mal zupfen wollte. Warum ich so helle Haut hätte, wenn ich doch aus dem Iran komme. Mein Vater wäre ja schließlich auch braun.

Tatsächlich zupfte ich meine Augenbrauen früher viel dünner, als sie jetzt sind. Auch hörte ich auf meine Mutter und ließ mir den Damenbart heller lasern. (Ich hab es nicht komplett durchgezogen, aber er ist schon deutlich heller als zuvor.) Meine Haare glättete ich, ließ sie immer stark ausdünnen und ich hasste nichts so sehr wie Goldschmuck. Ich wollte so wenig nach Middle-East aussehen, wie es nur ging. Eigentlich wollte ich nach nichts anderem als weißsein aussehen. Meinen Namen kürzte ich ab, über den Islam sprach ich nie und in Bezug auf meinen kulturellen Hintergrund stellte ich mich extra ahnungslos, wenn mich Fragen bombardierten. Keine Ahnung, was mein Name bedeutet. Keine Ahnung, aus welchen Städten meine Eltern kommen. Keine Ahnung, wer Pegah Ferydoni ist.

Als ich irgendwann die Kunst von Frida Kahlo entdeckte, dachte ich: Oh, cool, eine Frau mit Monobraue und Bart, die trotzdem schön ist. Vielleicht ist es okay, seinem Gesicht true zu bleiben. (Ich weiß, dass auch weiße einen „Damen“bart haben können. Aber nicht in der Häufigkeit und Intensität wie ich es aus meiner Familie kenne.)
Ich war es gewohnt, dass Nasen iranischer Frauen klein operiert werden müssten, dass dunkle Körperhaare geblichen oder gleich dauerhaft entfernt würden, dass viel Make-Up die Lösung von allem war. Ich verurteile keine rassifizierten Personen, deren Strategie das white-washing ihrer Körper ist. Vielleicht sehen sie es selbst gar nicht als white-washing, vielleicht finden sie weiße Schönheitsideale nicht so erstrebenswert, wie es ihnen immer unterstellt wird. Nicht alle, die sich die Nase verkleinern lassen und die Haare blond färben tun dies, um weiß auszusehen. Nicht mal alle weißen haben blondes Haar, ihnen wird auch nicht unterstellt, dass sie sich dadurch weißen Schönheitsidealen nähern wollen. Vielleicht möchten sie auch aussehen wie Barbie, Pamela Andersson oder Beyoncé.

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Anyway: Frida Kahlo verstärkte ihre Gesichtsbehaarung auch durch Make-Up. Sie hat es, um mit Schönheitsnormen zu brechen. Ihre Monobraue und der Bart waren bewusst in ihrem Gesicht. Und mit großer Wahrscheinlichkeit war es bei den Frauen* auf den Qajar-Gemälden ganz genau so.

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Deshalb wollte ich heute zum ersten Mal was mit Make-Up machen auf diesem Blog: Das Qajari Make-Up! Was dafür gemacht werden muss: Augenbrauen verstärken (gerne auch verbinden), mit Rouge rosige, runde Wangen aufmalen, ein bisschen Farbe auf die Lippen, und das waren schon die goldenen Regeln. Ein schöner Lidstrich und ein Schönheitsfleck können eine hübsche Ergänzung sein. Persische Musik – ob Pop oder traditionell – höre mittlerweile sehr gern, ich lerne es, persische Gedichte zu verstehen und zu lieben, ich vermisse den Duft der Teheraner Straßen sehr. Ich schäme mich nicht mehr aufgrund meiner Herkunft.

Ich habe den Look noch mal zu Casual-Qajar abgeändert, indem ich die Monobraue aufgelöst habe. Achtung: Die Empfehlung, Qajar-Ästhetik zu embracen und sich so zu schminken geht nicht an meine weißen Leser_innen. Zum Thema kulturelle Aneignung kommt auch bald ein Text. Dann wisst ihr auch, warum!

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7 Gedanken zu “Qajari Make-Up oder: Warum ich keine Lust mehr habe, meine Identität zu whitewashen

  1. toller Artikel, es sollte mehr Blogs wie deinen geben (ich lese mir schon seit längerer Zeit deine Texte durch, hab aber noch nie meinen Senf dazu gegeben ^^)
    irgendwie traurig, dass Kultur im Mainstream erst als interessant gewertet wird, wenn Weiße zustimmen..
    vielleicht sollte ich mir auch mal meine Augenbrauen einfach frei wachsen lassen (bin zwar keine WOC, aber wegen meiner bosnischen Herkunft habe ich sehr starke Augenbrauen und einen leichten Damenbart, den ich schon mit 12 Jahren zum ersten mal panisch abrasiert habe)

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  2. !!! Ich liebe dichte Augenbrauen und finde es superschön, wie viele im Wedding unterwegs sind. Oder überhaupt in Berlin. Warum Augenbrauen schmal gezupft werden erschließt sich mir nicht… aber alle nach ihrem Geschmack.

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  3. Danke für den Artikel!! Hat mich sehr inspiriert. Ich hab mich jahrelang für meine persische Nase geschämt (jaja, der Klassiker) und komme mir selber immer blöder damit vor. Merkt man oft gar nicht, wie tief so scheinbar klar definierte Schönheitsideale sitzen. Jetzt lese ich mir ab und an Deinen post durch und hab ein gutes Gefühl.

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