The Original Deutschland-Pack

Die Praxis der Wiederaneignung und Umdeutung von Begriffen und Symbolen steht schon lange in einer queer_feministischen, subversiven Tradition, wie es beim Wort „queer“ selbst auch der Fall ist. Das geht allerdings nur auf, wenn du dir etwas neu aneignest, was nicht ohnehin schon dir „gehört“. 

Ein sehr gutes Beispiel liefern hierfür aktuell die beiden Kaddas von „Dandy Diary„, die für u.a. sexistische und transfeindliche Aussagen bekannt sind und gerne „provozieren“.  Sie betreiben aber nicht nur einen Blog, sondern auch ein veganes Diner in Berlin-Neukölln, eines dieser Lokale, die Veganismus wegen Fitness und „Schönheit“ aufs Menü bringen. Ich war also ohnehin schon vorbelastet, als ich von ihrer neuen Kollektion, dem „Deutschland-Pack“, las. Da kommen also zwei problematische und nicht gerade für radikale Politiken bekannte Typen mit einer Scheißklamottenkollektion an, bei der es um die Wiederaneignung der Deutschlandflagge geht. Grund: Sie wollen sich das völkische Symbol nicht von völkischen Bewegungen und Parteien wie „Pegida“ und AfD wegnehmen lassen. 

Sie kleiden also eine Gruppe weißer blonder Jugendlicher in ihre Scheißrotgoldklamotten ein und lassen sie vor dem Dong Xuan Center, einem vietnamesischen Einkaufszentrum in Berlin-Lichtenberg, posieren. Nach der Logik: Wer gern vietnamesisch isst, kann gar nicht völkisch sein. 

In einem Interview mit Welt hauen sie noch Schmankerl wie diese hier raus: 

„Die Jugendlichen aus unserem Shooting finden die Sachen cool. Die dürfen zwar noch nicht wählen, aber man sieht ihnen an, dass sie damit sicher nicht zur nächsten Pegida-Demo rennen würden. Dass solche Leute die Deutschlandflagge tragen, animiert vielleicht auch andere, zu sagen: OK, die Flagge als solches ist nicht schlimm. Nur die Leute mit dem rechten Gedankengut, die sie für ihre Zwecke benutzen, sind es.“

Da steckt so viel Kackscheiße drin, du weißt gar nicht, wo du anfangen sollst. Ich weiß nicht, ob wir das gleiche sehen, aber für mich sehen die Models wirklich nicht danach aus, dass ich fest ausschließen kann, dass sie nicht „zur nächsten Pegida-Demo rennen würden“. Auch will ich gern die Dichtotomie zwischen Pediga = eindeutig völkisch vs. Nicht-Pediga = nicht-völkisch infragestellen. Ich glaube, dass Menschen nicht die AfD wählen oder auf rechte Demos gehen müssen, um rechte Ideologien zu vertreten. Die Gemeinsamkeit zwischen den Demonstrierenden ist übrigens ihr Weißsein und nicht etwa eine gewisse Klassenzugehörigkeit, die dann suggerieren könnte, die Models des „Deutschland-Packs“ seien zu hip oder zu cool, um dem eigentlichen Deutschland-Pack zugehörig zu sein. 


Was ist außerdem los mit dieser Mission, die Deutschlandflagge – oder Staatsflaggen allgemein – cool besetzen zu wollen? Schon mal drüber nachgedacht, dass es immer ein völkisches Symbol sein wird, insbesondere an weißen blonden Models, und es weder subversiv, noch edgy oder revolutionär ist, mit Schland-Flaggen durch die Straßen zu gehen? Einerseits, weil du einfach trotzdem wie ein*e Nationalist*in aussehen wirst und zweitens, weil es für weiße Deutsche nie ein cooler Akt der Neuaneignung oder Neubesetzung sein wird. Und selbst bei jüdischen, migrantischen oder Schwarzen Deutschen wird es nie so wirklich cool sein. Ihnen wird das Deutschsein (im Gegensatz zu den weißen Deutschen) häufig abgesprochen, womit eine Aneignung funktionieren würde, doch es schwingt eine Menge Assimilation an eine völkische Gesellschaft mit. Weil die Anpassung und Kompliz_innenschaft an -istischen Unterdrückungsformen auch durch Nicht-Kartoffeln (wenn Kartoffel weiß, ohne Migrationsgeschichte, säkulär/christlich bedeutet) ausgeführt werden kann, meistens mit den weißen Deutschen und gegen einander und Geflüchtete. Will heißen: Auch mit ihren paar nicht-weißen Models ist die Aktion peinlich und null innovativ. 

Als Beispiel für Zeiten, zu denen die Schlandflagge auch mal positiv besetzt war, nennen sie übrigens die Männerfußball-WM 2006, „Deutschlands Sommermärchen“ mit der stark angestiegenen Gewalt an Personen of Color, migrantische Deutsche und Queers. Zusammen saufen, Fußball gucken, Fahnen schwenken und „die Anderen“ verprügeln ist natürlich nicht völkisch, sondern… äh… ja. Merkste selbst. 

Um Teil des Deutschland-Packs zu sein, muss eine Person nicht Teil völkischer Bewegungen sein. Zu sagen, Rassismus sei scheiße, macht einr Person nicht immun dagegen, rassistisch zu sein. Ein völkisches Symbol wie die Schlanflagge in Mode bringen zu wollen „für die normalen Deutschen“ ist an sich patriotisch und solche Aktionen gehören in den Müll.  

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